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Night Flight, April 1, 1984

«Alan Bangs Playlist - Night Flight - April 1, 1984»

Radio Station: BFBS Germany
Show: Night Flight
Broadcast: April 1, 1984 • Studio Guest: Scott Walker
Running Time: Disc: 58:28.933 Minutes

1. April:
Night Flight mit Scott Walker oder:
Das Beste am Älterwerden

Das folgende Transkript von Scott Walkers Besuch bei Night Flight ist in keinster Weise bearbeitet worden, abgesehen natürlich von der Übersetzung ins Deutsche. Der Ton des Interviews verrät eine gewisse Spannung, die im Studio herrschte, und hier ist die Vorgeschichte. Am Mittwoch vorher war ich mit Scott Walker und Michael Beck von Virgin Records essen gegangen. Wir verbrachten einen äußerst angenehmen Abend zu dritt mit mit gutem Essen, einem ausgezeichneten trockenen Rotwein und unterhielten uns großartig. Wir sprachen wenig über die kommende Sendung. Ich erwähnte nur, daß ich vorhatte, verschiedene Stücke aus seinen Alben im Zusammenhang mit anderen Songs zu spielen, die meiner Meinung nach einen ganz neuen Bezugsrahmen für seine eindrucksvolle und sehr persönliche Musik abgeben würden. Als wir an diesem Abend auseinandergingen, kamen wir überein, uns vor der Sendung am Samstag nicht mehr zu sehen. Michael hielt es für eine gute Idee, wenn Scott erst pünktlich zu Beginn der Sendung im Studio ankam. Dadurch wäre jedenfalls sichergestellt, daß wir keine Zeit hatten, irgendwelche Dinge zu diskutieren, über die Scott nicht unbedingt zweimal sprechen wollte. Ich war einverstanden, dann gaben wir uns die Hand und verabschiedeten uns. Am Abend der Sendung jedoch trafen die beiden erst kurz vor eins trafen die beiden erst kurz vor eins im Studio ein, nachdem sie den ganzen Abend in irgendeinem Restaurant herumgesessen hatten. Da ich sie jeden Moment erwartete, hatte ich schon mal damit angefangen, Scotts Platten in Verbindung mit anderen Stücken zu spielen, so wie ich es ihm Mittwochabend vorgeschlagen hatte. Ich hätte es jedoch lieber gehabt, wenn er seine Musik auch in diesem Kontext gehört hätte. Als die beiden dann mit mehr als einer dreiviertel Stunde Verspätung eintrudelten, war ich ziemlich geladen. Ich machte ihnen ein Zeichen, sich hinzusetzen, ohne meine Kopfhörer abzunehmen oder ein Wort zu sagen. Dann spielte ich zwei von Scotts Stücken, die bereits zu Beginn der Sendung gelaufen waren, noch einmal. Er setzte sich hin, schloß die Augen und wirkte sehr gedankenverloren. Das schwache Licht im Studio trug noch zu dieser Atmosphäre bei, und so stellte ich erst nach fünfzehn Minuten, während der wir nur die Musik zuhörten, meine erste Frage.

Alan: Scott Walker und »Sleepwalker’s Woman« und davor die Walker Brothers mit »The Electrician«, einem Stück von Scott Engel. Zwischen den Erscheinungsdaten der beiden Songs liegen sechs Jahre. Der erste, »The Electrician«, stammte aus der Walker-Brothers LP »Nite Flights«, die 1978 erschien, und das zweite Stück, das wir gerade hörten, »Sleepwalker’s Woman« aus Scotts letzter Solo-LP, »Climate of Hunter«, die gerade rausgekommen ist. Scott Walker sitzt heute nacht neben mir im Studio, und meine erste Frage an dich, Scott, nachdem ich diese beiden Songs nun zum zweitenmal in dieser Sendung hintereinander gespielt habe, ich habe sie nämlich, ehe du hier warst, schon mal in einem etwas anderen Zusammenhang laufen lassen, liegen auch sechs Jahre zwischen der Komposition der beiden Stücke?

Scott: Ja, ich habe sechs Jahre auf dieses zweite Stück hingearbeitet.

Alan: Trotzdem erwecken sie bei mir den Eindruck, als lägen sie nicht sehr weit auseinander.

Scott: Sie sind aber grundverschieden. Das eine Stück ist ein politischer Song, und das andere ist total anders. Immer noch.
Alan: Kannst du vielleicht ein bißchen mehr dazu sagen?

Scott: Also, zum zweiten Song will ich nicht unbedingt viel erklären, aber das erste Stück setzt sich auseinander, wenn ich mich recht erinnere, sechs Jahre sind ‘ne Menge Zeit, mit den Amerikanern, die damals Folterspezialisten nach Südamerika schickten. »The Electrician« handelt davon. Ich stelle mir vor, wie sich ein Liebespaar unterhält; aber das andere Stück ist ganz anders. Wenn man sich den Text in »The Electrician« anhört, spricht er doch für sich.

Alan: Wo warst du, als du das erste Stück, »The Electrician«, geschrieben hast?

Scott: Ich wohnte in Fulham, über einem ziemlich lauten Restaurant, aber spät nachts konnte mich keiner hören, so daß ich dort mehr oder weniger ungestört arbeiten konnte.

Alan: Du lebst schon sehr lange nicht mehr in Amerika. Ich weiß, daß du Mitte der sechziger Jahre zusammen mit den Walker Brothers nach England gekommen bist, aber ihr wolltet euch nicht nur in England, sondern in ganz Europa umsehen. Du hast auch in anderen europäischen Ländern gelebt, aber die meiste Zeit bist du dann doch in England geblieben. Wieso eigentlich?
Scott: Da gibts verschiedene Gründe. Ich meine, in den Sechzigern, als ich hierher kam, war ich eigentlich auf der Flucht vor dem Militärdienst, und wenn man Erfolg hat, wie es bei den Walker Brothers damals der Fall war, dann neigt man dazu, zu bleiben und sich irgendwo niederzulassen. Aber ich wollte sowieso nach Europa, und so kam eins zum anderen. Es war ein Zusammenspiel von verschiedenen Sachen.

Alan: Und warum bist du dann geblieben?
Scott: Ich weiß auch nicht. Wenn ich die Zeit zusammenzähle während dieser zwanzig Jahre, ich bin nämlich jetzt schon fast zwanzig Jahre hier, wenn ich also die Zeit zusammenzählen würde, die ich während dieser Zeit in Amerika verbracht habe, käme ich auf ungefähr drei Monate. Vieles hat mich hier gehalten. Man gewöhnt sich an alles, weißt du.

Alan: Du hast gesagt, daß die Walker Brothers damals ziemlich erfolgreich waren. Hat dir dieser Erfolg von damals ermöglicht, dir die sechs Jahre Zeit zu nehmen, die du offensichtlich gebraucht hast, um die neue Platte zu machen, oder anders ausgedrückt: Wovon hast du in der Zeit zwischen diesen beiden Platten, die wir gerade hörten, gelebt?
Scott: Ach nee, nicht unbedingt, aber so ist dieses Geschäft nun mal. Die Sechziger … das war ‘ne harte Zeit für uns alle, und nicht viele Bands haben damals auch Geld gesehen für das, was sie machten. Es war eher so, allgemein gesagt, wenn sie überlebten, dann machten sie ihr Geld in den Siebzigern, aber wir zum Beispiel haben nicht das wieder rausgeholt, was wir reingesteckt hatten. Aber irgendwie hält man sich immer über Wasser. Verleger, die rechtzeitig zahlen und ähnliches. Irgendwie kommt man schon durch, so wie alle anderen auch.

Alan: Warst du je in einer Position, wo du sagen konntest, daß du für deine Begriffe viel Geld hattest?

Scott: Nein, ich hatte nie viel Geld auf einmal. Ich meine, ich habe … wenn ich so drüber nachdenke, nie einen Batzen Geld auf einmal gehabt, nein … ich hab’ mal fünfzehntausend Pfund gehabt, was heutzutage nicht sonderlich viel ist … aber das war alles, was ich je auf einen Schlag hatte.

Alan: Hat es dich in die Lage versetzt, etwas zu machen, was du sonst nicht hättest machen können?

Scott: Ja, es hat mir in den siebziger Jahren geholfen, über die Runden zu kommen, was für mich sehr schwierig war, weil keiner mich als Songwriter haben wollte. Man wollte mich nur als Sänger, und dieses Geld hat es mir ermöglicht, abzuhauen, wenn es nötig war, in Ferien zu fahren, alles hinter mir zu lassen und abzuwarten, bis sich was Besseres ergab.

Alan: Lag es denn wirklich daran, daß nichts Besseres in Sicht war, ich meine, du hast doch in diesen sechs Jahren an deinen Songs gearbeitet, oder? Ich glaube, du bist sogar ins Studio gegangen und hast versucht, sie aufzunehmen, warst aber nie so recht zufrieden. Was war der eigentliche Grund?

Scott: Das stimmt nicht. In diesen sechs Jahren bin ich kein einziges Mal im Studio gewesen, und ich hab’ nicht … ich hab’ mehrmals versucht, Songs für diese LP zu schreiben, aber im Grunde genommen, war es eine Frage der Atmosphäre … kaum hatte ich mich irgendwo niedergelassen, passierte wieder irgendwas. Die Nachbarn waren zu laut oder die Arbeitsbedingungen zu schlecht, einmal haben sie mich sogar auf die Straße gesetzt, weil die Hauseigentümer aus weiß der Teufel was für Gründen das Haus verkaufen wollten. Die letzten sechs Jahre habe ich wohl eher damit verbracht, die innere Ruhe zu suchen, wie ich immer sage, in der sich dann Sachen von alleine entwickeln, statt daß ich irgendwas aus mir rauspressen müßte. Es war sehr wichtig, daß diese Sachen von selber kamen und ich nicht versuchen mußte, sie mit Gewalt herbeizuführen, also sah ich mich nach der richtigen Umgebung um, und plötzlich war es dann soweit: Zeit und Aufnahmebereitschaft stimmten überein, ich weiß auch nicht, wieso. Als ich dann im letzten Sommer Geld von der Plattenfirma kriegte, hatte ich das Gefühl, daß ich die Stadt mal hinter mir lassen sollte, losfahren und alles, was ich hatte, zusammenschmeißen, mich also einfach reinstürzen sollte. Und dann schaffte ich es in zwei Monaten, kam zurück und nahm die Platte in noch mal zwei Monaten auf.

Alan: Warst du in den letzten sechs Jahren viel allein?

Scott: Ja, ich war oft allein. Die meiste Zeit beim Komponieren. Und vor allem während dieser zwei Monate, ja.

Alan: Hast du eher nachts oder tagsüber gearbeitet?

Scott: Ich finde, daß das ein ziemlich kaleidoskopischer Prozeß ist. Ich weiß nicht. Ich mag nicht gern darüber reden, weil ich es selber nicht ganz verstehe. Als ich an dieser LP arbeitete,ist er mir irgendwie entglitten, der ganze Prozeß, und weil ich ein bißchen abergläubisch bin, rede ich nicht gern darüber …

Alan: Aber ich frage dich nicht, wie du gearbeitet hast, nur …

Scott: … nach den Umständen …

Alan: … genau, nach den Umständen.

Scott: Ach so, ja. Tja, es überkam mich meistens so ab dem späten Nachmittag, oft aber auch nachts, und dann wieder habe ich auch nächtelang ausgesetzt. Nur so vor mich hingebrütet. Man braucht ziemlich viel Geduld, es ist ein Prozeß des Wartens, solche Sachen zu machen.

Alan: Worauf wartest du denn dann, abgesehen von dem Gefühl, bereit zu sein zum Schreiben. Ich meine,’ wenn du ins Studio gehst, um aufzunehmen, inwieweit bist du dann von den anderen Musikern, mit denen du zusammenarbeitest, abhängig, sei es, daß sie durch Eingebung oder wie auch immer dahinterkommen, was du mit dem, was du geschrieben hast, und du hast ja immerhin sehr lange daran gearbeitet, bezweckst?

Scott: Na ja, da kommt mehreres zusammen. Ich bin ja von der alten Schule, was das Aufnehmen angeht, damals mußte immer alles rasend schnell über die Bühne gehen, in den Phillips-Tagen mußten wir vier Songs in einer Dreistundensession hinkriegen, und irgendwie ist mir das in Fleisch und Blut übergegangen, aber ich kann mich auch den neuen Methoden anpassen. Ich schätze, ich liege irgendwo zwischen den beiden. Was ich eigentlich sagen will: Ich habe schon alles fix und fertig im Kopf, wenn ich ins Studio gehe. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis ich die Musiker so weit habe, und dann ist es schon passiert. Meistens arbeite ich so, daß außer mir und den Musikern keiner im Studio ist, in diesem Fall hatte ich aber auch noch einen Koproduzenten dabei. Sechs Jahre sind eine lange Zeit und ich war nicht mehr auf dem letzten Stand der Dinge.
Alan: Warst du froh, als die Platte fertig war, hat es dir das Gefühl gegeben, einen bestimmten Abschnitt in deinem Leben abgeschlossen zu haben, oder war das nicht der Fall?

Scott: Oh, doch, ganz bestimmt. Es war der Abschluß eines wichtigen Abschnitts, weil es sehr viel Kraft gekostet hatte, aber ich glaube auch, daß ich dadurch eine ganze Menge Selbstvertrauen gewonnen habe. Siehst du, wenn man so lange warten muß, gleitet einem langsam alles aus der Hand. Man verliert sein Selbstbewußtsein, beim Komponieren, beim Singen, irgendwie schwimmen einem alle Felle davon, aber man versucht trotzdem, am Ball zu bleiben … ich meine, ich wußte, daß Virgin, die mich unter Vertrag hatten … die hatten mich sechs Jahre unter Vertrag, und ich wußte, daß sie womöglich ein Leben lang warten würden, sie hatten sich schon damit abgefunden. Ich mußte mich also selber motivieren. Das war das Schwierige dabei, aber am Schluß kannst du ja sehen … wo ich jetzt bin, und wahrscheinlich könnte ich in einem Jahr wieder hingehen und in ziemlich kurzer Zeit noch ein Album produzieren, das mir sogar gefallen würde … irgendwie bin ich jetzt im richtigen Fahrwasser, glaube ich.

Alan: Hören wir uns jetzt ein anderes Stück aus der Platte an. Ich werde dir keine Fragen dazu stellen. Wenn du was dazu sagen willst, kannst du es anschließend tun. Das hier ist von der LP »Climate of Hunter«, Scott Walker mit »Dealer«.

Alan: Scott Walker aus dem Album »Climate of Hunter«. Das war das Stück »Dealer«. Verbesser mich, wenn ich falsch liege, aber ich glaube, daß du sagtest, alle Songs auf der Platte sind in einer Art Schaffensrausch entstanden, der etwa zwei Monate andauerte. Wenigstens hast du das Anfang der Woche irgendwo im Radio gesagt. Wenn das stimmt, inwieweit beschreibt die Platte dann diese Zeit, diese zwei Monate, oder inwieweit spiegelt sie eher das Gefühl, das du während der sechs Jahre bis zur Fertigstellung der Platte hattest wider?

Scott: Ich denke, sie reflektiert im wesentlichen, wie ich mich zu dieser Zeit fühlte und wie es dazu gekommen war.
Alan: Was war da außerdem entscheidend? Ich meine nicht unbedingt beim Komponieren, ich meine die alltäglichen Kleinigkeiten. Wie sah dein normaler Tagesablauf aus, ehe du dann richtig anfingst, zu schreiben und ins Studio gingst?

Scott: Ach, wahrscheinlich wie der jedes anderen Arbeitslosen in Großbritannien auch … irgendwie … ich weiß nicht. Ich würde nicht … Ich hatte Glück, so viel freie Zeit zu haben, genug Zeit zum Lesen, genug Zeit, um Filme anzuschauen, genug Zeit, um Sachen zu machen, die ich gerne mache, und die protestantische Arbeitsethik über Bord zu werfen.
Alan: Vielleicht können wir später noch mal darauf zurückkommen, was du gesehen oder gelesen hast, vorher aber noch eine andere Frage: War es deine bewußte Entscheidung, nachdem die Walker Brothers wieder zusammenspielten und ein paar Platten rausgebracht hatten, aufzuhören und was Neues zu machen wieder mehr Zeit für dich zu haben?

Scott: Nein, was passiert war meinst du die Walker Brothers der siebziger Jahre?

Alan: Ja.

Scott: Ja. Die Plattenfirma GTO, mit der wir einen Vertrag hatten, war im Begriff, sich aufzulösen, und ich war der Produzent … dieser Platte … und ich sagte … übrigens war ich auch bei den beiden früheren Walker Brothers Alben Koproduzent, aber das ist eine andere Geschichte, immer hing alles von mir ab. Also ich sagte zu den anderen, das wird die letzte Platte, Jungs, also tobt euch noch mal richtig aus und macht genau das, was ihr schon immer mal machen wolltet. Und genauso lief es dann auch, und dann kam Virgin und machte mir ein Angebot.

Alan: Du hast den anderen gesagt, sie sollen mal so richtig Dampf ablassen, aber ich bin doch ziemlich sicher, daß man das nicht so ganz wörtlich nehmen sollte. Andererseits ist das Album doch ziemlich unter euch dreien aufgeteilt: Die ersten vier Songs auf der ersten Seite waren von dir, das letzte Stück auf der ersten und das erste auf der zweiten Seite gingen auf das Konto von Gary Leeds, und die restlichen vier stammen von John Walker. War es Absicht, wolltet ihr euch damit gegeneinander abgrenzen? Manchmal hat es den Anschein. Es klingt fast so, als würden sich hier nur drei verschiedene Charaktere eine LP teilen.

Scott: Nein, John spielt auf allen meinen Songs mit. Ich bin nicht bei seinen Stücken dabei, aber er hatte sie eben ohne mich konzipiert. Nein, es war keine bewußte Entscheidung, uns voneinander abzugrenzen, aber als ich »Nite Flights« schrieb, mußte ich irgendwie dauernd an ihn denken, deshalb kann es vielleicht eine unbewußte Entscheidung gewesen sein.

Alan: Was macht er eigentlich? Neulich hab ich irgendwo gelesen, daß er bei Rough Trade unterschrieben hat … und dann war da doch noch ein Album, das vor längerer Zeit erscheinen sollte, aber nie rauskam …

Scott: Nein, aber dafür hat er eine Single gemacht, zusammen mit seiner Frau. Die arbeiten jetzt zusammen, und er hat mich gefragt, ob ich dabei mitmachen wollte. Er hat eine ziemlich feste Meinung davon, wie bestimmte Sachen laufen sollen, wie alle Leute in diesem Geschäft eben, und da war für mich irgendwie nicht viel zu machen. Ich weiß nicht, ob er sie je rausgebracht hat, da bin ich überfragt. Aber es war keine LP, es war eine Single.

Alan: Heißt das, daß ihr nicht mehr viel Kontakt untereinander habt?

Scott: Oh, nein, ich hab’ schon Kontakt zu ihm, aber immer, wenn wir auf so was zu sprechen kommen, blockt er ab, ich habe deshalb keine Ahnung, was aus der Platte geworden ist. Doch ja, wir sprechen uns zwei-, dreimal im Monat, mindestens, und ich verstehe mich ganz gut mit ihnen.

Alan: Was macht er gerade?

Scott: Tja, ich nehme an,erwartet drauf, daß seine Single rauskommt.

Alan: Mit andern Worten, arbeitslos, so wie du vorher …

Scott: Tja, das weiß ich nicht, da bin ich nicht sicher. Er macht ‘ne Menge … er hat ‘ne Menge Connections zu Verlegern, und es kann gut sein, daß er da was am Laufen hat, und Gary ist bei einer Werbefirma untergekommen, macht Singles und so was.

Alan: Erinnern wir uns noch mal eben an die Zeit, in der diese Platte fertig wurde. Du sagtest, GTO war gerade dabei, sich aufzulösen, und deshalb konntest du nachher keine Platten mehr machen, aber ich bin ziemlich sicher, daß du damals, wenn du gewollt hättest, sehr wohl einen Weg gefunden hättest. Ich nehme an, daß es andere Gründe gab, warum du nicht ins Studio gegangen bist.

Scott: Nun ja, der Grund war … ich … ich hatte ‘ne Menge schlechter Platten gemacht und mußte mich zusammenreißen, ich mußte versuchen, den Zustand zu erreichen, in dem ich gewesen war, als ich meine guten Platten gemacht hatte. Nicht, daß ich diesen Zustand nicht erreichen könnte, weil ich früher jünger war, aber auf jeden Fall mußte ich, wenn dies meine letzte Platte sein sollte, was Starkes auf die Beine stellen. Deshalb war sie für mich gut.

Alan: Natürlich kann man auf vielerlei Arten Schluß machen. Ich meine, manchmal hört man auf, etwas zu machen, weil man entdeckt, daß einem etwas anderes bessergefällt. Das beste Beispiel dafür wäre John Lennon, der eines Tages beschloß, keine Platten mehr zu machen. Alle haben es ihm übelgenommen, fast alle, aber er hatte eben seine Gründe, persönliche und familiäre Gründe, keine Platten mehr zu machen. Gab es in deinem Fall einen bestimmten Grund, warum du etwas anderes versuchen wolltest, oder hast du einfach so aufgehört? Ich meine, der Grund, warum ich hier nachbohre, liegt darin, daß ich die neue Platte sehr interessant finde, und es hängt vielleicht auch damit zusammen, daß du dich so lange von der Öffentlichkeit zurückgezogen hast. Denn eins der Probleme, die man manchmal hat, wenn man mit Leuten umgeht, die voll im Business drinstecken und eine Platte nach der anderen rausbringen, und bei denen sich folglich alles um Musik dreht, ist, daß es ziemlich schwierig ist, mit ihnen über was anderes zu reden als über Musik. Wie ich schon sagte, deshalb finde ich die Platte interessant. Ich will wissen, was dahintersteckt.

Scott: Tja, das ist ja genau der Punkt, wenn man eine Platte nach der anderen macht oder meint, unerschöpflich zu sein … daß man in einer nie endenden … daß man ständig auf Draht sein muß, … also: mit wem mache ich das nächste Interview, was kommt jetzt und was danach, und irgendwann muß man einfach mal abschalten. Ich will damit nicht sagen, daß jeder eine sechsjährige Pause einlegen sollte. Aber man sollte ab und zu mal abschalten, um wieder einen klaren Kopf zu kriegen. Ich weiß nicht, für mich war es fast, ohne jetzt überheblich oder anmaßend wirken zu wollen, für mich war es schon fast eine Frage von Sünde. Ich hatte mich einfach zu oft gegen mich selbst versündigt, und als ich versuchte, das wieder gut zu machen, kam ich ins Stolpern, und deshalb war es auch so schwierig, wieder hochzukommen, verstehst du. Wenn ich Sünde sage, dann meine ich das nur in Verbindung mit meiner Arbeit. Klar habe ich auch andere Sünden auf dem Kerbholz, außerhalb der Arbeit. Aber bei mir steht das Leben nun mal an erster Stelle. Ich hab nicht nur die ganze Zeit rumgesessen und über die Platte nachgedacht. Da wird man ja meschugge bei.

Alan: Hören wir nun ein anderes Stück von deiner Platte. Wie ich schon sagte, sie wurde über einen längeren Zeitraum hinweg konzipiert und dann in ziemlich kurzer Zeit zu Papier gebracht. Meiner Ansicht nach vermittelt sie eine Atmosphäre, die sich durch alle deine Stücke zieht. Ich bin mir sicher, daß du, weil du ja ein ganz anderes Verhältnis dazu hast, deutlichere Unterschiede siehst, aber ich glaube doch, daß die meisten Leute, die sich das Album zum erstenmal anhören, den Eindruck haben, daß sie eine Aussage für sich ist. Ich meine jetzt nicht die Aussagekraft der Texte. Ich meine, die ganze Aufmachung, wenn man die Platte zum ersten Mal hintereinander hört. Vielleicht können wir uns noch ein bisschen darüber unterhalten, wenn wir das nächste Stück gehört haben. Hier ist Song Nr. 3 aus der LP Climate of Hunter.

Alan: Das war das dritte Stück aus dem Album »Climate of Hunter« . Du meintest, »The Electrician«, also das Stück, das wir ganz zu Anfang gehört haben, sei ein politischer Song, das anschließende, »Sleepwalker’s Woman«, jedoch nicht. Ich will dich nicht noch einmal bitten, deine Songs zu erklären, aber sind die Stücke auf deiner neuen LP eher persönlicher Art, oder haben sie in irgendeiner Art mit dem zu tun, was um dich herum passierte, als du in England lebtest?

Scott: Nun ja, ich glaube, beides trifft zu,und obwohl sie sehr persönlich sind, sollte doch jeder, der sich ernsthaft damit beschäftigt und sich die Mühe macht, dahinterzusteigen, verstehen, um was es geht, und bis zu einem bestimmten Grad sollte sie auch eine Art Wirkung haben … Ich weiß nicht, wahrscheinlich wird jeder sie ganz anders auffassen, kann ich mir vorstellen, aber trotzdem … Jedenfalls hatte ich es mir mehr oder weniger so vorgestellt. Ich bin kein … sagen wir es so … ich bin kein Cut-up-Schreiber; das hier etwas völlig anderes.

Alan: Gehst du also eher logisch vor, sagen wir, indem du einen Song von Anfang bis Ende konzipierst, oder ist es so, daß dir bestimmte Ideen einfallen, die du dann aufschreibst, um sie später aufzugreifen und auszubauen?

Scott: Nein, ich meine, das kann durchaus passieren, daß man stückchenweise vorgeht, aber was dieses Album angeht, so war das im großen und ganzen eigentlich nicht der Fall. Es fiel mir einfach so ein, es hat sich wie von selbst entwickelt, genau, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Alan: Natürlich wird jeder, der die Platte hört, sie anders interpretieren und anders darauf reagieren, wie du schon sagtest, denn jeder ist nun mal anders, aber du meintest auch, daß sie trotzdem von jedem verstanden werden kann. Nun frage ich mich aber, ob es eigentlich unbedingt nötig ist, einen Schlüssel zu finden, um hinter die Bedeutung der einzelnen Songs zu kommen, und ich meine Bedeutung hier im weitesten Sinne des Wortes, um also tatsächlich zu verstehen und nachzuvollziehen, was du damals empfunden hast. Ist es nicht so, daß das nicht unbedingt sein muß, solange man als einzelner was davon hat? So daß es letztlich keine Rolle spielt, ob die Zuhörer tatsächlich mitkriegen, was du eigentlich hattest sagen wollen?

Scott: Mir geht es nicht darum, daß sich irgendwer mit mir identifiziert, sondern daß jemand, der vielleicht noch nie was von mir gehört hat, sich das Album kauft, es mit nach Hause nimmt, die Musik anhört und die Texte liest und dabei angenehm überrascht wird.

Alan: Siehst du sie selber jetzt eigentlich mit anderen Augen, jetzt, wo die Platte auf dem Markt ist und du ein bißchen Zeit hattest, um Abstand zu gewinnen?
Scott: Also, ich finde das immer noch nicht ganz leicht. Das braucht Zeit und Geduld, man hat das Ganze durchgemacht und steckt noch irgendwie mittendrin. Ich habe da durchaus noch Probleme, aber mit der Zeit wird sich das geben, schätze ich.

Alan: Ich finde, es ist eine ernstzunehmende Platte, und wir reden jetzt auch ziemlich ernsthaft darüber. Meinst du, sie zeigt nur eine Seite deiner Persönlichkeit? Gibt es da vielleicht andere Seiten, bei denen es dir schwerer fällt, sie zu zeigen?
Scott: Jeder, der so arbeitet … der schreibt oder sonst was macht, der arbeitet in einer ganz bestimmten Art und Weise. Was man darüber hinaus macht, ist was ganz anderes. Es klingt vielleicht wie ein Klischee, aber wir haben genauso viele Gesichter wie alle anderen. Auf der Straße bin ich ja nicht derselbe wie auf der Platte. In dieser ganz bestimmten, authentischen Verfassung bin ich ja nur, wenn ich schreibe, nur, und ich glaube, so geht es allen, die professionell arbeiten, jedenfalls ernsthaft arbeiten nur, wenn man anfängt, diese Rollen nicht mehr auseinanderzuhalten, dann wird das Ganze lächerlich und absurd.

Alan: Wir sprachen vorhin über Bücher. Ich selber lese auch ziemlich viel. Vielleicht deshalb würde es mich interessieren, was du so gelesen hast, was dich in den letzten Jahren vielleicht am meisten geprägt, oder dir einfach nur gefallen hat.

Scott: Oh, ja, mehr gefallen als beeinflußt. Heutzutage lese ich mehr Zeitung als Bücher. Früher, als ich noch jünger war, habe ich jede Menge Bücher verschlungen. Ich las Garcia Marquez’ letztes Buch »Chronik eines angekündigten Todes«, ich las »Die Hauptströmungen des Marxismus «, weil sie mich irgendwie interessierten und mir empfohlen worden waren. Ich hab’ so ziemlich alles gelesen, was mir in die Finger kam. Ich überlege gerade, was da sonst noch so war in letzter Zeit … ein paar Kurzromane, aber ich … es fällt mir bestimmt noch ein, du weißt ja, wie das ist, wenn dich einer fragt, was du vor kurzem gelesen hast, und es fällt dir einfach nicht ein, so geht’s mir gerade.

Alan: Wir haben ja noch genug Zeit. Vielleicht fällt dir später noch was ein. Du sagtest, du hättest früher viel mehr Bücher gelesen als heute, aber auch, daß du ein paar Kurzromane gelesen hast und heute mehr Zeitungen liest. Hast du den Eindruck, daß du vielleicht heute mehr über die Schriftsteller liest, mit deren Büchern du dich früher beschäftigt hast, ich meine, liest du beispielsweise heute lieber Biographien?

Scott: Nein, ganz und gar nicht. Ich habe zwar eine Biographie von Joyce gelesen, aber das hat eigentlich nichts mit meiner Arbeit zu tun. Ich finde ihn toll, aber . . .

Alan: Welche Biographie war das, die von Richard Ellman?

Scott: Ja, ja, und dann habe ich auch eine von Nietzsche gelesen, die von Ronald Hayman, ich glaube kürzlich ist auch eine über Kafka von ihm erschienen. Ich hab’ mal drin geblättert. Ich glaube, sie hat mir nicht sonderlich gefallen, aber ich kann mich nicht sehr gut erinnern.
Alan: Wenn du Ronald Haymans Biographie Kafkas erwähnst, offensichtlich hast du sie doch gelesen, weil du vorher Kafka gelesen hattest …

Scott: Stimmt, ist aber schon ‘ne Weile her.

Alan: Wolltest du nicht, zumindest damals, mehr über die Person wissen, deren Bücher du gelesen hast?
Scott: Damals waren noch nicht so viele Biographien auf dem Markt wie heute, und Kafka ist ein sehr sehr interessanter Schreiber. In seinem eigenen Land hält man ihn ja oft für so was wie einen Meister des schwarzen Humors, in England nimmt man ihn viel ernster. Ich selbst fand ihn immer eher witzig. Ich bin der Meinung, man sollte ihn nicht zu sehr beim Wort nehmen. Er ist eigentlich beides : witzig und ernsthaft zugleich.

Alan: Wie gesagt, Bücher können einen sehr stark beeinflussen, offenbar ist das in jungen Jahren stärker ausgeprägt als später. Ich glaube, wenn man älter wird, wird es auch viel schwieriger, sich durch Erfahrungen von außen, also ein Buch oder einen Film oder eine Platte beeinflussen zu lassen. Man fängt an, nach anderen Möglichkeiten zu suchen, um seine Kicks zu kriegen. Ich glaube, man sucht sie beispielsweise in den Beziehungen zu anderen Menschen, was wahrscheinlich eine gute Seite des Älterwerdens darstellt: Man sucht seine Erfahrungen nicht länger in Sachen, die andere bereits gemacht haben, sondern bei sich selbst. Ist das bei dir ähnlich, oder macht dir das Älterwerden was aus?

Scott: Nein, das ist doch das Beste daran! Man muß schon selbst dahinterkommen und plötzlich erkennt man, daß alle anderen auch nur mit Wasser kochen. Wenn man jünger ist, meint man immer, irgendwer muß doch alle Antworten parat haben – Camus oder wer auch immer, aber die sind auch nicht viel klüger als man selber und das ist vielleicht das Beste am Älterwerden.

Alan: Jetzt das Stück Nr. 6.

Alan: Unsere Zeit geht allmählich zu Ende. Wenn ich darf, will ich dir gern noch ein paar Fragen stellen, die nicht unbedingt einen Zusammenhang haben. Es schwirren mir ein paar Sachen durch den Kopf; ich werde al so mehr oder weniger querbeet fragen. Interessierst du dich für Dinge wie Astrologie oder Parapsychologie? Ich meine, für etwas in der Richtung?

Scott: Nein, nein. Ich meine, ich habe mich schon damit befaßt … ich habe mich mit Astrologie beschäftigt, aber höchstens um mitreden zu können, mehr eigentlich nicht. Es ist schon wichtig, daß Leute sich damit auseinandersetzen, all das hat durchaus seine Berechtigung. Solche Dinge halten uns davon ab, in irgendwelchen geschlossenen Systemen zu verkümmern, und ich denke, sie sind solange hilfreich, wie sie nicht selbst wieder zu einem geschlossenen System ausarten.

Alan: Du glaubst also nicht daran, daß zum Beispiel die Mondphasen Einfluß auf die verschiedenen Persönlichkeiten haben, wie es viele Leute gerne glauben möchten, und ich denke, die Betonung liegt hier auf möchten.
Scott: Tja, das finde ich auch. Ich selbst habe nie an so was geglaubt, aber John zum Beispiel, mein Bruder John, ist fest davon überzeugt. Also, ich weiß nicht.

Alan: Hältst du dich eher für einen Realisten?

Scott: Nein, glaube ich nicht … ich denke, ich habe nur einen weiteren Horizont. Ich steh’ nicht unbedingt auf Logik, aber ich … ich würde sagen, mein Horizont geht darüber hinaus, einfach nur realistisch zu sein. Ich weiß nicht, ob ich deine Frage richtig verstanden habe, aber wenn du mich fragst, ob meine Gedankengänge auf Logik basieren, stimmt das so?, dann muß ich sagen: nein, ganz und gar nicht.

Alan: Meinst du, daß zwischen dem, was in deinem Kopf und dem, was in deinem Herzen vor sich geht, ein großer Unterschied besteht? Es geht um die alte Frage der Zweiteilung, über die man sich so gern den Kopf zerbricht: Man kann alles zu sehr intellektualisieren und dadurch die Gefühle, die man anfangs hatte, ehe man darüber nachdachte, vergewaltigen.

Scott: Ach so, der Dualismus. Schon wieder ein Dualismus. Oh, nein, ich glaube schon, daß mir diese Spaltung bewußt ist. Mein Körper, mein Kopf, mein Herz. Ich kenne die ganze Problematik, die damit zusammenhängt, ich versuche, dem Ganzen soweit es möglich ist, aus dem Weg zu gehen.

Alan: Das Album strahlt eine ziemlich intensive Atmosphäre aus, wie ich schon sagte. Vor allem kommt es mir sehr melancholisch vor. Bist du sonst auch so?

Scott: Vielleicht, aber das will nicht heißen, daß ich auch übertrieben sentimental bin … das Album ist, finde ich, überhaupt nicht sentimental. Das vermeide ich. Früher war das ein Problem, aber ich glaube schon, daß ich zu Melancholie neige. Damit muß man wohl leben.

Alan: Also Melancholie ohne Sentimentalität, auch ohne Selbstmitleid?

Scott: Heute, ja, auf jeden Fall. Überhaupt kein Selbstmitleid. Es ist schon schwer genug, Mitleid mit anderen zu haben, sich so zusammennehmen zu können, daß man sich auf diese Stufe begeben kann. Ich bin in einer Lage, wo ich das Gefühl habe … na ja, wenn man jung ist, kann man getrost in so was schwelgen, aber später muß man sich von solchen Gefühlen befreien. Man sollte versuchen, sie abzulegen und ein Stück weiter zu denken.

Alan: Ich spiele jetzt das fünfte Stück.

Alan: Das war das fünfte Stück auf Scott Walkers Soloalbum »Climate of Hunter«. Du bist etwas später angekommen, als ich erwartet hatte, deshalb mußte ich heute etwas umdisponieren. Ich hatte ursprünglich vor, deine Musik in einem anderen Rahmen zu spielen, zusammen mit verschiedenen anderen Stücken. Ich habe das bis zu einem bestimmten Punkt im ersten Teil der Sendung versucht, aber ich glaube auch, daß es richtig war, daß wir im zweiten Teil mehr geredet haben. Andererseits haben wir jetzt fast ausschließlich deine Musik gehört, und irgendwie lag es bei mir, dich dem Publikum vorzustellen, eben durch die Fragen, die ich dir gestellt habe. Meinst du, daß das, worüber wir im Verlauf der letzten Stunde gesprochen haben, ein Bild von dir vermittelt, so wie du dich selbst siehst, oder meinst du, daß meine Fragestellung zu suggestiv war, dich in eine bestimmte Richtung gedrängt hat?
Scott: Oh, es war wohl ausgeglichen. So wie man sich selbst sieht … das ist ja ein ziemlich komplizierter Prozeß, der andauernd im Gang ist, sicher, manches ist jetzt vielleicht etwas klarer. Könnte man sagen.

Alan: Ich meine, ich bin nicht scharf auf Komplimente …

Scott: Weiß ich … ja.
Alan: .. , es interessiert mich, weil ich glaube … na ja, in den letzten Tagen hast du jede Menge Interviews gegeben, und davor hattest du eine ziemlich lange Zeit ausgesetzt, und ich finde es interessant, diese Entwicklung, diese Erfahrung nachzuvollziehen, weil dir bestimmt von Zeit zu Zeit eine Menge Sachen durch den Kopf gehen, wenn wir hier reden. Vielleicht hast du bestimmte Sachen, über die du gerne stimmte Sachen, über die du gerne reden würdest, oder hast du das Gefühl, das ist etwas, was man fragen sollte. Es kann doch passieren, daß man tagelang Interviews gibt, und keiner einen das fragt, worüber man eigentlich sprechen will. Ich denke hier nicht an die übliche Fragerei, wie war das denn damals mit den Walker Brothers, sondern allgemeinere Sachen. Hast du eigentlich selbst dieses Gefühl in den letzten Tagen gehabt?

Scott: Oh, ja, doch. Ich bin eigentlich mehr Fragen ausgewichen, als daß ich versucht hätte, sie zu beantworten.

Alan: Meine letzte Frage hat speziell mit dem Album zu tun. Es ist das einzige Stück, zu dem ich dich etwas fragen möchte. Ich glaube, das ist fair, denn es ist auch das einzige auf der Platte, das du nicht selbst geschrieben hast. Mit ihm will ich mich auch für heute verabschieden; es heißt: »Blanket Roll Blues«. Aber ehe wir es hören, verrate mir doch noch, warum du ausgerechnet dieses Stück aufgenommen hast.

Scott: Der Song war es ist ein wunderbares Stück da ist jemand im Studio eingepennt, ich kann hören, wie er schnarcht! Dieser Song spukte mir schon seit Jahren im Kopf herum. Ich wollte ihn schon immer irgendwo einbauen, aber es hat sich nie etwas ergeben, und hier erschien er mir goldrichtig: am Schluß der ganzen Sache.

Alan: Und der Text?

Scott: Stammt von Tennessee Williams. Der einzige Song, den er je geschrieben hat … ich glaube, man wird ihn furchtbar vermissen.

Alan: Ja, der Text ist wirklich toll. Er ist sehr, sehr kurz. Eins der wenigen Stücke, die mit wenigen Worten unheimlich viel aussagen. Scheint mir auch nach so viel Reden der richtige Song zu sein, um die Sendung zu beenden.

[Quelle]
Nightflights. Tagebuch eines DeeJays
Econ-Verlag, 1985 Düsseldorf; Wien: ISBN 3-430-11145-5