4stats Webseiten Statistik, Besucherzähler und Counter
Handy kaufen

Night Flight, February 5, 1984

«Alan Bangs Playlist - Night Flight - February 5, 1984»

Radio Station: BFBS Germany
Show: Night Flight
Broadcast: February 5, 1984 • Studio Guest: John Cale
Running Time: Disc 1: 47:48.827 Minutes • Disc 2: 45:47.067 Minutes • COMPLETEST VERSION

SESSION ONLY → DISC: 64:53.693 Minutes → SPEED CORRECTED VERSION

01. Intro

02. John Cale – Streets Of Laredo [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Honi Soit» • Released: March 10, 1981
Label: A&M • Country: Europe • Catalog #: AMLH 64849 • Format: Vinyl, LP

03. John Cale – Buffalo Ballet [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Fear» • Released: October 1, 1974
Label: Island • Country: UK • Catalog #: ILPS.9301 • Format: Vinyl, LP

04. John Cale – Fear Is A Man’s Best Friend [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Fear» • Released: October 1, 1974
Label: Island • Country: UK • Catalog #: ILPS.9301 • Format: Vinyl, LP

05. John Cale – Child’s Christmas In Wales [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Paris 1919» • Released: March 1973
Label: Reprise • Country: UK • Catalog #: K 44239 • Format: Vinyl, LP

06. John Cale – Improvisation [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Unreleased» • Released: 1984
Label: • Country: • Catalog #: • Format:

07. John Cale – Heartbreak Hotel [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Slow Dazzle» • Released: March 25, 1975
Label: Island • Country: UK • Catalog #: ILPS 9317 • Format: Vinyl, LP

08. John Cale – (I Keep A) Close Watch [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Helen Of Troy» • Released: November 1975
Label: Island • Country: UK • Catalog #: ILPS 9350 • Format: Vinyl, LP

09. John Cale – Where There’s A Will [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Caribbean Sunset» • Released: 1984
Label: Ze • Country: UK • Catalog #: ILPS7024 • Format: Vinyl, LP

10. John Cale – Hedda Gabler [Live] – Alan Bangs Session
Mini Album: «Animal Justice» • Released: August 1977
Label: Illegal • Country: UK • Catalog #: IL 003 • Format: Vinyl, 12″, EP
[There is also a 7" version of this record with the same picture on the sleeve and the same Catalog Number.]

11. John Cale – I’m Waiting For The Man [Live] – Alan Bangs Session
Album: «The Velvet Underground And Nico» • Released: March 12, 1967
Label: Verve • Country: US • Catalog #: V6-5008 • Format: Vinyl, LP

John Cale: Vocals and Piano

«John Cale - Booklet - Alan Bangs Session 5. Februar 1984»

«John Cale - Tray - Alan Bangs Session 5. Februar 1984»

5. Februar:
Night Flight mit John Cale oder:
Eine seltsame Totenstille geht durch den Äther

Das erste Mal, daß ich John Cale live spielen sah, war im «Paradiso» in Amsterdam, irgendwann Mitte der siebziger Jahre. Damals machte er sich auf der Bühne über eine aufblasbare Puppe her und versuchte, sie mit einem Mikro zu vergewaltigen. Kurz danach sah ich ihn noch mal, diesmal im «The Venue» in London. Er trat mit einer weißen Fechtmaske, unter der sein Kopf mit einem langen weißen Schal umwickelt war, auf. Darunter blitzte ein Stück zerknitterte Aluminiumfolie hervor. Seitdem habe ich Cale noch mehrere Male live erlebt, und fast jeder seiner Auftritte ist mir stark im Gedächtnis haftengeblieben.
Eigenartigerweise kann ich das von seinen Platten nicht behaupten, obwohl ich keinen Schimmer habe, wieso. Ich weiß zum Beispiel nicht mehr wo ich mich befand, als ich zum erstenmal eine Platte von ihm hörte: Ich kann nicht mal sicher sagen, welches seiner Alben mich überhaupt auf seine Musik aufmerksam machte. Vieles spricht dafür, daß es «Paris 1919» war, und aller Wahrscheinlichkeit nach hat irgendwer sie mir damals vorgespielt, lange ehe ich sie mir selbst zulegte. Es ist aber auch genausogut möglich, daß ich von alleine darüber gestolpert bin, fasziniert von einem Cover oder auch den Titeln der einzelnen Songs. Ich war schon immer ein fanatischer Leser, und die Tatsache, daß ein Song «Graham Greene» hieß, hat mich sicher neugierig gemacht, auch wenn ich damals nur Greenes Namen kannte und noch nichts von ihm gelesen hatte. Vor allem aber war es das Cover, das meine Aufmerksamkeit erregte. Es zeigt fünf Fotos, eines vorne und vier auf der Rückseite. Auf jedem dieser Fotos trägt Cale einen weißen dreiteiligen Anzug und dazu eine weiße Krawatte. Auf der Vorderseite sitzt er in einem Korbstuhl und stützt den Kopf in die Hand. Sein Gesichtsausdruck ist trügerisch: Es kommt einem fast so vor, als sei er tief in Gedanken versunken, aber gleichzeitig scheint er jeden Moment loslassen zu wollen. Die vier Fotos auf der Rückseite sind da schon eindeutiger, obgleich die Diskrepanz zwischen dem, was er tut und dem was er denkt, weiterbesteht. Auf dem ersten Foto steht er vor dem Fenster, auf dem zweiten fängt er an, nach rechts wegzukippen, auf dem dritten ist sein Kopf schon aus dem Bilderrahmen verschwunden, und auf dem vierten sind nur noch seine Füße zu sehen. Auf dem ersten Foto sind seine Augen offen, auf dem zweiten geschlossen. Hinter ihm sieht man ein Fenster und hinter dem Fenster einen Garten, Sowohl das Zimmer als auch der Garten draußen sind von Sonnenlicht durchflutet. Beim Fallen macht er keine Anstalten, sich festzuhalten und auf dem letzten Foto, kurz bevor er endgültig auf dem Boden liegt, hat man freien Blick auf das Fenster. Was hat das alles zu bedeuten? Ich habe keine Ahnung: Das Ganze bringt mich einfach nur zum lachen. Es ist schon irgendwie komisch, daß ich mich immer nur so vage an diese Platte erinnern kann. Sie gefiel mir von Anfang an, aber es fällt mir schwer, sie mit einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Ort in Verbindung zu bringen. Sie erinnert mich an nichts, wenn ich sie höre, und ihre Existenz ist völlig unabhängig vom Erscheinungsjahr und so ganz anders als alle anderen Platten, die John Cale aufgenommen hat. Vielleicht ist das der Grund, warum er und seine Musik mich so sehr faszinieren: Beide sind äußerst schwer auszumachen, und beide sind nicht nur unzuverlässig, sondern auch unkalkulierbar. John Cale tendiert zur Unberechenbarkeit. Es ist ganz und gar kein «sicherer» Interviewpartner. Egal, wieviel Mühe man aufwendet, um genau hinzuhören, man kommt manchmal einfach nicht dahinter, was er meint. Es ist schwer, seinen Gedanken zu folgen, weil er von einem Thema auf das andere kommt und Ideen auf die verrücktesten Arten miteinander kombiniert. Politik, nicht Musik, ist sein Lieblingsthema, wenn er sich mit einem hinsetzt, um zu reden. Er lebt seit fast zwanzig Jahren in New York City, einer traditionellen «Medienstadt» und hat sich seine Meinung aus Zeitungen und Nachrichtensendungen gebildet, doch die Art wie er sie dann vorbringt, ist wirklich einmalig.
Letzte Nacht war John Cale mein Gast bei Night Flight. Vor der Sendung gingen wir essen, und obwohl die ganze Band dabei war, kamen später nur John und seine Frau Risè mit ins Studio. Wir kamen erst eine halbe Stunde, ehe wir auf Sendung gingen, beim BFBS an und hatten deshalb wenig Zeit, irgend etwas zu besprechen. Eigentlich hatten wir sowieso bewußt darauf verzichtet, große Vorbereitungen zu treffen, in der hoffnung, daß wir so spontaner miteinander umgehen würden. John hatte sich bereiterklärt, uns eine kleine Live-Vostellung zu geben, obwohl er sich absolut keine Gedanken darüber gemacht hatte, welche Songs er bringen wollte. Wie auch immer, vom rein technischen Standpunkt aus gesehen, war ein Mindestmaß an Vorbereitung unumgänglich, und deshalb stimmte John einem Soundcheck zu. Wir sagten ihm, daß wir alles aufzeichnen würden, damit er sich das Ganze hinterher anhören und uns sagen könnte, ob er mit der Tonqualität zufrieden sein. John ging ins Studio, setzte sich an den Flügel, klimperte uns zwei Songs vor und kam dann wieder in den Kontrollraum zurück. Er hörte sich das Band an und fand es gut. Dann bestand er darauf die Aufnahme zu löschen. Er ließ sich auch nicht von seiner hartnäckigen Forderung abbringen, daß die Sendung nicht aufgezeichnet werden dürfte. Ich versuchte ihm klarzumachen, daß ihn theoretisch jeder aufzeichnen konnte, der die Sendung zufällig hörte, aber das beeindruckte ihn in keinster Weise. Ich schob das Band mit den beiden Songs also in den Apparat und löschte die Aufnahme. Damit war John aber immer noch nicht zufrieden. Er verlangte das Band: Es genüge nicht, die Aufnahme zu löschen, erklärte er, das Band müsse ordnungsgemäß zerstört werden. Er wickelte es von der Spule und warf es in den Papierkorb. Die Atmosphäre, die schon gespannt genug war, fing an zu knistern. Niemand konnte den Verlauf der nächsten Sendung voraussehen, und ich fing an, mir ernstlich Gedanken zu machen, was alles passieren könnte.
Ich verließ das Studio, in dem John am Piano saß und ging in den Nebenraum, wo ich normalerweise arbeite, um mit der Sendung zu beginnen. Als erstes spielte ich zwei Liebeslieder von Buddy Holly; eins – «Love Is Strange» – wurde erst nach seinem Tod fertiggestellt. Norman Petty, Hollys Produzent, mischte aus einem frühen Demotape, auf dem nur Gesang und Gitarre zu hören waren, einen neuen Song. Das zweite, «Learning The Game» war eine Version von einem von Hollys größten Liebesliedern, hier in einer radikalen Neufassung von Andrew Gold. Während diese beiden Songs liefen, saß Cale im Studio hinter mir und wartete. Um ihn vorzustellen, spielte ich ein Stück aus seinem Album «Music For A New Society», ein Stück, das unter den gegebenen Umständen (und vor allem im Rückblick) nicht nur angebracht, sondern auch geradezu prophetisch schien: «Taking Your Life In Your Hands». Danach ging ich rüber zu ihm ins Studio One, ein Raum, der vor allem für Live-Aufnahmen benutzt wird. Hier gibt es weder Plattenspieler noch ein Mischpult. In einer Ecke steht ein Flügel und auf der gegenüberliegenden Seite ein Tisch mit vier Kopfhöreranschlüssen. Als ich reinkam, saß John am Flügel, ich ging zum Tisch und setzte mich hin. Wir waren etwa drei Meter voneinander entfernt. Selbst jetzt, nur wenige Stunden nach der Sendung, fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, worüber wir gesprochen haben. Vieles von dem, was wir sagten, machte absolut keinen Sinn. Wir redeten aneinander vorbei. John war zu sehr in seiner eigenen Welt, und ich verstand nicht viel von dem, was er sagte. Nach einer Weile hörte ich auf, Fragen zu stellen und redete nur noch, um die Pausen zwischen seinen Ausführungen zu überbrücken, in der vagen Hoffnung, daß er irgendwie auf das eingehen würde, was ich sagte -was er unweigerlich tat, wenn auch meistens, indem er mich kurzerhand unterbrach. Das war weder ein Interview noch eine Unterhaltung, und ich war bestenfalls ein Katalysator, ein Straight Man neben einem Komiker. Die meiste Zeit fühlte ich mich ziemlich bescheuert, vielleicht geriet ich sogar etwas aus der Fassung -nicht wegen der Sendung, aber in Bezug auf das, was Cale indirekt von mir erwartete. Ich hatte noch nie Angst daß mir mal die Munition ausgehen könnte, daß ich nichts mehr zu sagen hatte, aber ich weiß nur allzu gut, daß man im Radio eine Menge Unsinn verzapfen kann, nur um ein peinliches Schweigen zu vermeiden. Es machte mir aber nicht viel aus, als Dummkopf dazustehen: Auch wenn ich nicht in der Lage war, mitzuhalten, so war ich doch bereit, mich für das, was Cale repräsentierte, zu opfern, nämlich eine wirre, aber irgendwie doch sehr konzentrierte Attacke gegen Konformismus und Konservatismus. Während dieser zwei Stunden erlebte ich genau dieselben unterschiedlichen Gefühle wie damals, als mich die Persönlichkeit von Patti Smith mit voller Breitseite erwischte. In jener Nacht, als ich versuchte, sie für den Rockpalast zu interviewen, wollte sie nur eins, nämlich ihre Show abziehen, und jeder, der ihr über den Weg lief, wurde zu einem Teil dieser Show. Es war das erste Mal, daß ich einfach nicht wußte, was ich sagen sollte, oder besser gesagt, wie ich mich verhalten sollte. Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes keine Ahnung, was ich machen sollte, als Patti ausflippte und sich einfach weigerte, irgendwas mit mir zu tun zu haben. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, was schiefgelaufen war und wieso sie das Gefühl hatte, daß ich sie zurückhalten wollte. Später erkannte ich, daß der immense Druck, der auf ihr lastete, jeden, dem sie in dieser Nacht begegnete, in einen Aspekt ihrer eigenen Persönlichkeit verwandelte: Sie kämpfte genauso stark mit sich selbst wie gegen die, mit denen sie zufälligerweise zu tun hatte. Ich weiß noch, wie ich hinter der Bühne der Grugahalle stand und zusah, wie sie wutentbrannt von mir weglief und schreiend verlangte, daß man sie endlich auf die Bühne ließ. Sie nahm überhaupt keine Notiz mehr von dem, was um sie herum geschah, nicht mal von den Kameras, die auf sie gerichtet waren. Ich stand da und dachte darüber nach, wie viele Millionen Menschen uns in diesem Moment zuschauten, und was ich bloß tun sollte. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich völlig entgeistert, weil ich merkte, daß mir einfach nichts einfiel, um die Situation zu retten. Aber dann dämmerte es mir plötzlich, daß ich mich schrecklich konservativ verhielt, nur in festgesetzten Bahnen dachte und versuchte, einen wirklich einzigartigen Moment auf etwas Stinknormales zu reduzieren. Ich fürchtete die Konsequenzen, aber gleichzeitig war ich von den Möglichkeiten fasziniert. Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals in meinem Kopf vorging: Alles ging so rasend schnell, und trotzdem entschied ich mich ganz bewußt, nicht einzuschreiten. Und plötzlich stand ich nicht mehr einfach nur hilflos da, sondern war ein Teil dessen, was passierte. Ich hielt nichts und niemanden zurück und war auch keinem im Weg. Ich erkannte, daß Patti sich selbst darstellte, daß nichts mehr sie aufhalten konnte, daß ihre Persönlichkeit -oder zumindest ein Teil davon -sich ungefiltert entfaltete, von Fragen unberührt, von Höflichkeiten ungeschmälert. Diese wenigen Minuten nahmen mich psychisch ganz schon mit; sie deprimierten mich und hinterließen ein Gefühl der Leere, weil sie mich aus meinem gewohnten Denken herausrissen und in eine Welt führten, in der ich noch nie zuvor gewesen war. Hier war ich nur noch auf mich allein gestellt, weit weg von allem, was ich bis dahin für selbstverständlich gehalten hatte.
Ein paar Monate später versuchte Mitch Ryder auf seine eigene Art und Weise, das zu wiederholen, was Patti Smith schon vorgemacht hatte. Er wollte mich provozieren, nicht indem er sich weigerte, meine Fragen zu beantworten, sondern indem er jede Frage mit einer Gegenfrage quittierte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Interview begann -ich weiß nur noch, daß mich Mitch Ryder nach der ersten Frage mehr als skeptisch anstarrte und irgendwas murmelte, was ich nicht übersetzen konnte. Dann fragte er mich aus heiterem Himmel: »Have you ever seen two dogs fucking in the street?« Ich bin nie dahinter gekommen, was er mit dieser Frage bezweckte . Damals schien es mir unangebracht, ihn um eine Erklärung zu bitten. Andererseits, wenn ich anders reagiert hätte, hätte er sich vielleicht nicht gezwungen gesehen, zu behaupten, daß es ein Gesetz geben sollte, das Leuten wie mir untersagte, im Fernsehen aufzutreten. Später kehrte er mir mitten im »Interview« einfach den Rücken zu und fing an, sich mit einem Mädchen zu unterhalten, das zufällig neben ihm stand. Das wäre ja auch noch zu verkraften gewesen, wenn ich nicht gerade dabeigewesen wäre, ihm eine Frage zu stellen. Ich hatte aber keine Lust, schon wieder den kürzeren zu ziehen und schnappte ihn mir beim Hemd. Daraufhin drehte er den Kopf in meine Richtung. Ich zog ihn wieder zurück zu mir und machte ihm unmißverständlich klar, daß unser Gespräch noch nicht beendet war. Er revanchierte sich mit der Frage, warum ich eigentlich nie mit seinem Keyboard-Mann Billy sprach. Ich protestierte, aber da war er schon auf hundertachtzig und ließ sich nicht mehr bremsen. »Ich weiß, warum du nicht mit ihm redest«, fuhr er fort. «Weil er deine Freundin angemacht hat, deshalb redest du nicht mit ihm.» Zufällig stand meine Freundin direkt hinter mir, und ich schlug vor, sie selbst zu fragen, ob an dieser haarsträubenden den Geschichte was dran wäre. Sie hatte keine Lust, in diese Angelegenheit mit reingezogen zu werden und tat so, als wäre sie verlegen, obwohl sie allen Grund hatte, wirklich verlegen zu sein, wie ich später erfuhr. Das Ganze klingt schlimmer, als es in Wirklichkeit war -in Wahrheit war das ganze Interview kaum mehr als ein Geplänkel, ein Spiel -aber eins, das keiner von uns beiden verlieren wollte. Wir wußten beide, was los war, obwohl es manchmal den Anschein hatte, als hatten wir die Kontrolle über das, was wir da machten, verloren. Wir waren alle ziemlich nervös, nur wollte keiner es zugeben.
Nach dem Interview ging die Band zurück zum Dressing Room, wo sie dem einen Bandmitglied, das nicht zum Interview erschienen war, ohne große Umschweife klarmachte, was sie davon hielt. Seine Antwort, daß er seine Gitarren hatte stimmen wollen, nahm ihm keiner ab und im Nu hatten sich die Gemüter erhitzt, und dann flogen die Fetzen. Joe Gutch, der Gitarrist, der dem Interview ferngeblieben war, wurde zu Boden geschleudert und knallte mit dem Kopf voll gegen die Tür, was Peter Rüchel, der sich im Korridor aufhielt, im ersten Moment davon abhielt, sich in das Zimmer zu stürzen, Als er ihnen dann erklärt hatte, daß er sie nicht auf die Bühne lassen würde, wenn sie sich nicht zusammennähmen, folgte eins der besten Konzerte, die der Rockpalast je zustande gebracht hat -aber das ist eine andere Geschichte. Sie ist teilweise auf einer Maxi-Single verewigt, die kurz danach erschien und unter anderem Live-Versionen von Lou Reeds »Rock ‘n’ Roll« und The Doors’ »Soul Kitchen« sowie Teile aus dem, was später als »The Legendary Full Moon Concert« bekannt wurde, enthält.
John Cales Vorstellung letzte Nacht hatte mit dem Mond wohl weniger zu tun, war aber mindestens ebenso legendär wie die von Mitch Ryder. Es war eins der eindrucksvollsten Konzerte, die ich je erlebt habe. Nie zuvor habe ich bessere Versionen von Elvis Presleys »Heartbreak Hotel« oder Lou Reeds »Waiting For The Man« gehört, auch nicht von John Cale seIber. Gestern Nacht sprach die Musik wirklich für sich selbst; sie machte mich im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos, und manchmal schimmerte etwas durch, was über die Grenzen der Musik hinausging. Sie war wirklich transzendental. Die Intensität der Musik war ein direkter Ausdruck der Qualen, die sich in John Cales Vorstellung niederschlugen. Der Höhepunkt kam am Ende von »Waiting For The Man«. Während des ganzen Songs starrte mir Cale in die Augen, hielt mich mit seinem Blick gefangen und bedrohte mich mit jedem einzelnen seiner verrückten Gedanken. Ich saß ihm gegenüber, und da ich der einzige Mensch außer ihm im Studio war, blieb mir gar nichts anderes übrig, als zurückzustarren, als sein Spiegel zu fungieren -und wie zwei Spiegel, die sich gegenüberstehen, reflektierten wir uns tausendfach, und unsere Blicke lösten sich erst dann voneinander, als das Stück lange vorbei war. Es endete unter Tränen, besser gesagt, in Schluchzen. Ich weiß nicht, ob Cale tatsächlich weinte, denn nach dem letzten Akkord auf dem Flügel duckte er sich und verschwand hinter ihm, so daß ich ihn nicht länger sehen konnte. Die Musik hing noch immer in der Luft, und während sie allmählich verebbte, ließen auch die Schluchzer nach. Es war ein sehr unheimlicher Augenblick. Ich wußte nicht, ob das auch zu seiner Vorstellung gehörte. Ich wußte nicht, ob John Cale, wie vorher Patti Smith und Mitch Ryder, mich in Gefilde zu locken versuchte, in die ich mich noch nie zuvor getraut hatte. Ich fragte mich, ob er sich insgeheim ins Fäustchen lachte, auf meine Kosten. Auf die Idee zu applaudieren, kam ich nicht. Ich saß da wie versteinert und tat absolut nichts. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich war wie gebannt, wollte den Zauberspruch, mit dem Cale mich belegt hatte, nicht durchbrechen. Ich schaute in seine Richtung und wartete, und dann, ohne ein Wort zu sagen, signalisierte ich Tom, dem Techniker dieses Programms, der nebenan im Kontrollraum saß, eine Platte aufzulegen … Dieses Schweigen, das nur ab und zu von Cales Schluchzen unterbrochen wurde, füllte eine der verheerendsten Minuten, die ich je auf Sendung erlebt habe. Ich mußte an zwei meiner Lieblingslieder denken, die beide lange Instrumental Codas haben, und damit Gefühle ausdrücken, die weit über die Grenzen des Textes hinausgehen: Richard und Linda Thompsons »Dimming Of The Day/Darqai« und Tom Rushs »No Regrets/Rockport Sunday«. In seinem Song »Thrasher« spricht Neil Young von dem Punkt, wo das Pflaster einer Straße in Sand übergeht, und genau dieses Gefühl hatte ich: daß irgendwas dem Ende zuging und daß zugleich etwas Neues entstand, als ich dort mitten in der Nacht in meinem Studio saß, einer seltsamen Totenstille gegenüber. Ich sagte schon, daß ich mich nicht erinnern kann, worüber wir zwischen den einzelnen Stücken sprachen, aber das, was gesagt wurde, während die Platten liefen, ist was anderes. Wir hatten kein ausgearbeitetes Konzept, was den Verlauf der Sendung betraf, und so ergab sich manches aus der Situation heraus. An Ideen mangelte es uns nie, die meisten wurden jedoch gleich wieder verworfen, und das lag nicht etwa an mir, sondern an ihm selbst. Einmal meinte er zum Beispiel, daß er den Text von einem der Stücke auf Bob Dylans neuem Album» Infidels« zu seinem eigenen Instrumentalstück »John Milton« aus »The Academy In Peril« rezitieren wollte. Ich ging also pflichtschuldigst nach nebenan, um die Platte aufzulegen, aber als ich ins Studio zurückkam, hatte er sein ganzes Vorhaben schon wieder vergessen. »Was machen wir jetzt?« fragte er, sichtlich in Panik. »Ich dachte, du wolltest Dylan rezitieren«, antwortete ich. »Was! « Er sah mich an, als wäre ich total übergeschnappt. »Das kann ich nicht machen, nein, das kommt gar nicht in Frage. Wir müssen uns was anderes ausdenken. « Was er dann allerdings vorschlug, gehörte nicht unbedingt zu seinen Glanzideen. Wir hatten ein Exemplar von Will Powers’ Album »Dancing For Mental Health« dabei, auf dessen Innenhülle eine ziemlich lange Liste von Leuten abgedruckt war, die Will Powers unterstützt hatten. Cale fiel nichts Besseres ein, als am Piano zu improvisieren und dazu die Liste der Namen runterzusingen. Ich hatte keine andere Wahl, als ihn gewähren zu lassen. Das Resultat war hanebüchen, und nach dem sechsten Namen unterbrach ich ihn, um ihm das zu sagen. So schnell, wie er die Idee aufgegriffen hatte, ließ er sie auch wieder fallen und zuckte nur die Achseln. Dies brachte Johns Frau Risè, die bis dahin geduldig im Kontrollraum gesessen hatte, dazu, ins Studio rüberzukommen und John davon in Kenntnis zu setzen, daß er gerade dabei war, seine Karriere zu ruinieren, und daß, wenn er sich nicht zusammenriß, er am nächsten Morgen wahrscheinlich ziemlich dumm aus der Wäsche gucken würde -irgendwas in der Art. Ich glaube aber, daß es alles in allem doch die Mühe wert war, denn die Tiefpunkte der Sendung wurden von mehreren Höhepunkten aufgewogen, und zwar so, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Das Interview war ein Desaster, die Musik war ein Triumph.

[Quelle]

Nightflights. Tagebuch eines DeeJays

Econ-Verlag, 1985 Düsseldorf; Wien: ISBN 3-430-11145-5

Bootleg Liner / Sleeve Notes:
John Cale in the BFBS Studios after his show at «Alter Wartesaal», Cologne, where he played a concert with his band. It`s interview with Alan Bangs, a well known Moderator in germany. Sometimes Alan asked John to play a song on the piano in that studio room. John Cale played its songs in an intensity not belonged up to then ever. He is to cries and screaming and had a crying fit. He had nearly a nervous breakdown and you hear some silence after the songs before Alan Bangs find the words to go on with the interview. After «Waiting for my man» Alan stopped the whole thing, because John Cale was really finished and it was not possible to go on with this radio show, thanks to Alan Bangs for his feeling in this situation. I saw the show with his band earlier that evening and I was wondering about what happend on the stage. Sometimes John Cale lay under his piano rolled like an embryo and cries like a wounded animal. It was a really special show this evening, but I never expected what happend later at the BFBS Studios, an emotinal and damageable man plays piano and sings his songs. I think, the right words are: An emotional character with sensitive feelings at the end of its strength. I want to write more about this evening and all the feelings, but my english is too bad, so take this what I write here. A long time I`m thinking about this show, should I seed this with or without the interview, I decided to give to you the whole show so that you understand what happend this evening.

BFBS Studios
Cologne, Germany
February 5, 1984
Version 1
Version 2
Version 3