
Radio Station: BFBS Germany
Show: Night Flight
Broadcast: September 26, 1982 • Studio Guest: Guthrie Thomas
Running Time: Disc 1: 76:09 Minutes • Disc 2: 72:15 Minutes
DISC 1 [76:09]
01. Michael Rother – Flammende Herzen
Album: «Flammende Herzen» • Released: 1977 • Label: Sky
02. The Band – Mystery Train
Album: «Moondog Matinee» • Released: October 15, 1973 • Label: Capitol
03. Lightnin’ Hopkins – Rock Me Baby
Album: «Lightnin’!» • Released: 1960 • Label: Bluesville
04. Guthrie Thomas – As Yet Untitled [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Unreleased» • Released: 1982 • Label:
05. Guthrie Thomas – Puppet On A String [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Once On A While Forever» • Released: 1982 • Label: Pastels
06. Guthrie Thomas – Looking For You
Album: «Lies And Alibis» • Released: 1976 • Label: Singing Folks Records
07. «Ramblin’» Jack Elliott – Don’t Think Twice, It’s All Right
Album: «Young Brigham» • Released: 1968 • Label: WEA
08. Eric Andersen – Time Run Like A Freight Train
Album: «Unfinished Business» • Released: 1975 • Label: Arista
DISC 2 [72:15]
01. Guthrie Thomas – As Yet Untitled [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Unreleased» • Released: 1982 • Label:
02. Jerry Jeff Walker – My Old Man
Album: «Mr. Bojangles» • Released: 1968 • Label: Atco
03. Guthrie Thomas – I’ll Be Lucky
Album: «Guthrie Thomas I» • Released: 1975 • Label: Capitol
04. Guthrie Thomas – You Can’t Buy No Love Songs [Live] – Alan Bangs Session
Album: «The Poisonous Beauty» • Released: 1979 • Label: Eagle
05. Guthrie Thomas – The Window [Live] – Alan Bangs Session
Album: «This One’s For Sarah» • Released: 1978 • Label: Carmen
06. Guthrie Thomas – I’ve Got To Go [Live] – Alan Bangs Session
Album: «This One’s For Sarah» • Released: 1978 • Label: Carmen
07. Guthrie Thomas – Love Is Hard To Find [Live] – Alan Bangs Session
Album: «This One’s For Sarah» • Released: 1978 • Label: Carmen
08. Guthrie Thomas – Lady On The Piano [Live] – Alan Bangs Session
Album: «The Poisonous Beauty» • Released: 1979 • Label: Eagle
09. Guthrie Thomas – Pay Day [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Unreleased» • Released: 1982 • Label:
10. Guthrie Thomas – If You Got A Moment [Live] – Alan Bangs Session
Album: «This One’s For Sarah» • Released: 1978 • Label: Carmen
11. Guthrie Thomas – Sailors Down The Rhine [Live] – Alan Bangs Session
Album: «Unreleased» • Released: 1982 • Label:
12. Guthrie Thomas – Lady On The Piano
Album: «The Poisonous Beauty» • Released: 1979 • Label: Eagle


5. August: Guthrie Thomas,
der chronische Motivationsblues,
und eine Dame legt sich auf das Klavier
Gestern nachmittag rief Guthrie Thomas aus Kalifornien an. Ich war froh, von ihm zu hören, denn ich hatte ihn schon einige Zeit nicht mehr gesprochen. Außerdem hatte ich sowieso nichts Richtiges zu tun, weil die Night-Flight-Sendung wegen der Live-Übertragung der Olympischen Spiele verlegt worden war und ich an diesem Samstagnachmittag kein Programm zusammenstellen mußte. In Kalifornien war es Nacht, Guthrie war gerade von einem seiner Konzerte nach Hause gekommen und wir quatschten fast drei Stunden lang. Ich bin zum erstenmal 1975 über Guthrie Thomas’ Musik gestolpert, als Capitol Records in den USA ein Album mit dem Titel »Guthrie Thomas I« rausbrachte. Damals arbeitete ich als Capitol-Label- Manager für EMI Electrola in Köln. Ein Teil meiner Arbeit bestand darin, alle neuen Platten, die Capitol nach Europa rüberschickte, anzuhören, um zu entscheiden, welche Alben hier in Deutschland veröffentlicht werden sollten. Die jeweilige Entscheidung hatte natürlich wenig mit persönlichem Geschmack oder bestimmten Vorlieben zu tun; hier ging es vorrangig darum, festzustellen, welche Platten die besten Absatzchancen hatten. Mit anderen Worten, die Entscheidung über die Veröffentlichung wurde allein nach finanziellen Gesichtspunkten getroffen. In diesem Sinne wurden Platten auch als »Produkt«bezeichnet, und die Musik spielte nur eine zweitrangige Rolle. Damals wie heute war es schwer, einem neuen Künstler nur aufgrund der musikalischen Qualität zum Durchbruch zu verhelfen. Das »richtiqe Imaqe« zu haben war nützlich, aber auf internationalem Parkett noch lange keine Erfolgsgarantie: Was die Amerikaner mochten, mußte nicht unbedingt auch in Deutschland, England oder Frankreich ankommen. Vor allem war es wichtig, daß eine Platte »marktgerecht« war, vorher war nämlich an eine Veröffentlichung gar nicht erst zu denken. In Guthrie Thomas’ Fall war es jedoch so, daß, seine Musik, jedenfalls was Deutschland anging, so gut wie keine Marktchancen besaß. Sie war eine Mischung aus Country, Folk und Rock: also die Art von Musik, die sich in Europa nur dann in größeren Mengen umsetzen läßt, wenn die Band, die sie spielt, sich auf der anderen Seite des Atlantiks bereits einen Namen gemacht hat. Guthrie Thomas hatte zwar eine Menge »prominenter« Freunde, wie Hoyt Axton, Arlo Guthrie oder Ringo Starr, verfügte aber nicht über den Ruf, der nötig war, um Absatzmärkte, sei es in Amerika oder sonstwo, zu erschließen. (Wie er mir später mal erzählte, hatte Capitol ihn nur auf Drängen Ringo Starrs, der damals bei derselben Plattenfirma war, unter Vertrag genommen.) Man hatte keinen Pfennig für Werbung lockergemacht, und nach zwei Alben wurde seine Karriere bei einer größeren Plattenfirma jäh beendet. Es erübrigt sich wohl, zu erwähnen, daß keins seiner Alben je in Deutschland veröffentlicht wurde. Ich nahm sie aber mit nach Hause und spielte sie häufig bei Night Flight, wobei mir »Looking For You« und »I’ll Be Lucky« am besten gefielen. Nach ein paar Monaten -ich konnte mich einfach nicht an den Brauch gewöhnen, Musik nur als »Produkt« zu betrachten, verließ ich meine Plattenfirma ohne die leiseste Ahnung, was ich als nächstes tun würde und wovon ich meinen Unterhalt bestreiten sollte. Der Entschluß, diesen Job an den Nagel zu hängen, kam mir eines Montagmorgens nach einem der regulären »Motivationsversammlungen«, als man mir zu erkennen gab, daß ich wohl an einem »chronischen Motivationsblues« litt. Ich gestand, bei diesem Punkt Schwierigkeiten zu haben, und ehe ich mich versah, hatte ich auch schon gekündigt. Ich hatte zwar viele Freunde in dem Laden, aber am Ende mußte ich doch einsehen, daß ich alles andere als der geborene Verkäufer war, und so weinte ich dem Job keine Träne nach. Verständlicherweise dauerte es nicht lange, bis ich in Geldnöten war. Die zehn Mark, die mir der BFBS für jede Night-Flight-Sendung bezahlte, reichten kaum zum Überleben -sie deckten nicht mal die An- und Rückfahrkosten bis zum Sender. Da ich kein Auto hatte, mußte ich mit der Bahn zum BFBS rausfahren, hinterher aber fuhren keine Straßenbahnen mehr, und mir blieb keine andere Wahl, als ein Taxi nach Hause zu nehmen. So gesehen übertrafen meine Ausgaben das Einkommen um mehr als die Hälfte. Gerechterweise muß ich jedoch hinzufügen, daß der BFBS nie in der Lage war, seinen freien Mitarbeitern sehr viel zu bezahlen (das hängt mit den Zuteilungen der Budgets und verschiedenen anderen Faktoren zusammen), aber die mangelnde finanzielle Entschädigung wird durch andere Pluspunkte wettgemacht. Ich hatte beispielsweise uneingeschränkte Freiheit, was die Auswahl der Platten anging -eine Großzügigkeit, an der sich bis heute nichts geändert hat. Ich bin sicher, daß ich ohne diese Freiheit nicht da wäre, wo ich heute bin: Mein erster wirklicher Kontakt zum Rockpalast zum Beispiel wurde von einem Freund von mir eingefädelt. Rudi, ein Kameramann, der beim WDR arbeitete, machte mich mit Peter Rüchel bekannt, der sich an mich erinnerte, weil er ab und zu Night Flight hörte. Es ist gar nicht so selten, daß das Leben bestimmter Menschen parallel verläuft, ohne sich zu überschneiden -bis eines Tages, meistens unvorhergesehen, irgendwas passiert, was sie zusammenbringt. Andererseits, wenn man bewußt an eine Sache rangeht oder versucht, mit jemandem Kontakt aufzunehmen, und nicht genau weiß, wie man das am besten anfangen sollte, wird man immer wieder überrascht, wie leicht sich einem bestimmte Türen öffnen, völlig unabhängig von Schicksal oder Zufall. Dies trifft jedenfalls auch darauf zu, wie ich Guthrie Thomas kennenlernte. Mehr als vier Jahre, nachdem ich meinen Job in der Plattenbranche verlassen hatte, erhielt ich folgenden Brief, datiert vom 2. November 1981. Der Absender war Andrew Eagan, Direktor von Carmen Records, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte.
Er schrieb:
»Meine Freunde hier bei Windham Hill Records in Kalifornien haben mich auf Dich aufmerksam gemacht. Ich schicke Dir hier ein paar von unseren Schallplatten, in der Hoffnung daß sie Euch Jungs da drüben gefallen und wir in Europa besser Fuß fassen können. Ich möchte Dir vor allem Guthrie Thomas ans Herz legen: unsere erste Veröffentlichung und einer der bekanntesten Songschreiber und Performer der hiesigen Musikszene. Ohne Stuß der Bursche hat echt was drauf, und wir hoffen, Du bist auch der Meinung. Es liegt uns wirklich sehr daran, Euch mit seinen Platten vertraut zumachen,damit wir ihn eines Tages nach Europa auf Tournee schicken können. Wenn wir Dir irgendwie behilflich sein können, was unsere Künstler oder ihre Musik angeht, dann ruf uns einfach an -R- Gespräch, versteht sich.«
Mit besten Grüßen
Andrew Eagan Direktor,
Carmen Records
Guthries neues Album, dem der Brief beigefügt war, hieß »This One’s For Sarah« und war seiner Tochter Sarah gewidmet. Das Front Cover zeigte auf weißem Hintergrund nichts als seinen Namen und den Titel der Scheibe, während das Foto auf der Rückseite im ersten Moment etwas Schockierendes hatte: Es waren zwar zwischen seinem ersten Album »Thomas Guthrie I« und diesem hier nur sechs Jahre vergangen, der Mann sah aber trotzdem aus, als wäre er um mindestens zwanzig Jahre gealtert. Er schien eine harte Zeit hinter sich zu haben, hatte wahrscheinlich jede Menge durchgemacht, und seinem Gesichtsausdruck konnte man in keinster Weise entnehmen, daß es ihm mittlerweile besserging. Auf jeden Fall war es nicht morbide Neugier, die mich veranlaßte, Andrews Brief auf der Stelle zu beantworten, sondern in erster Linie Guthries neue Songs. Besonders der, der das Leben eines krebskranken Mannes schildert, der im Sterben liegt und sich von Familie und Freunden verabschiedet. Für mich ist das einer der besten Songs, die Guthrie überhaupt geschrieben hat. Ich meldete kein R- Gespräch nach Kalifornien an, wie Andrew mir freundlicherweise angeboten hatte, sondern schrieb ihm einen Brief, mit der Bitte, folgenden Vorschlag an Guthrie weiterzuleiten. Als erstes teilte ich ihm mit, daß der Name Guthrie Thomas für mich alles andere als neu wäre, im Gegenteil, er sei mir gut bekannt. Dann erzählte ich ihm, daß ich schon zwei seiner Alben besäße und Interesse hätte, seiner Musik eine ganze Sendung beim BFBS zu widmen. Dazu bräuchte ich jedoch seine Hilfe. Deshalb bäte ich ihn, ein paar von seinen Gedanken einfach auf Band zu sprechen und mir nach Köln zu schicken. Aufgrund der Umstände und der Entfernung, die zwischen uns lag, stellte ich mir vor, Guthrie dazu zu bringen, für sich selbst zu sprechen, sich direkt und ohne Umschweife auf das zu konzentrieren, was er sagen wollte, ohne Hemmungen, so als würde er über sich selbst laut nachdenken und nicht nur einfach eine Reihe von Fragen beantworten. Ansonsten erzählte ich Andrew nicht, was ich mir davon versprach, sondern verließ mich auf meine Intuition und hoffte, daß Guthrie irgendwas dazu einfallen würde. Ich hatte nicht den leisesten Zweifel, daß er nicht das bringen könnte, was ich von ihm erwartete -irgendwie spürte ich, daß die Zeit gekommen war, um etwas Gemeinsames zu versuchen. Die Kassette, die ein paar Wochen später bei mir eintrudelte, gab mir recht. Guthrie hatte sie ganz allein zu Hause in seinem Wohnzimmer aufgenommen, und zwar zu Weihnachten. Es war ein Monolog von fast neunzig Minuten, der mit einem Live-Song endete. Guthrie sprach über sich, wie er früher Gitarrenträger für Ramblin’ Jack Elliot gespielt hatte, über Musik im allgemeinen und seine Musik im besonderen, über Amerika und über den Wahnsinn der atomaren Aufrüstung. Er redete so, als würde er mich bereits seit Jahren kennen, und irgendwie stimmte das auch, glaube ich. Es war jedoch nicht nur das, was er sagte, sondern auch die Art und Weise, wie er es sagte, die mich faszinierte, der verschlungene Gang seiner Gedanken. Er sprach davon, daß es gar nicht so leicht ist, in ein Mikrofon zu sprechen, wenn man nicht richtig weiß, was von einem erwartet wird. Er fing an, indem er sich selber die Fragen stellte, aber nach einer Weile konnte er frei assoziieren, und dieses Material reichte aus, um davon eine ganze Night-Flight-Sendung zu machen. Dabei wechselte ich das, was er sagte, mit Songs aus seinen drei Alben ab. Die Reihenfolge ergab sich eigenartigerweise fast wie von selbst, obwohl Guthrie nie besonders lange über ein Stück sprach, schließlich schienen sie sich nahtlos in den Text einzufügen. Anschließend schickte ich ihm eine Kopie der Sendung nach Kalifornien und schrieb ihm, daß ich hoffte, ihn irgendwann einmal persönlich kennenzulernen. Im Herbst 1982 war es dann soweit. Guthrie kam nach Europa und war am 26 . September zu Besuch bei Night Flight. Es war eine ganz besondere Sendung, denn in jener Nacht wurden die Uhren in Europa um eine Stunde zurückgestellt, was die Sendezeit um sechzig Minuten verlängerte. Wir hatten also statt der üblichen zwei Stunden auf einmal drei zur Verfügung, wobei die dritte sozusagen eine Geisterstunde war, eine, die es offiziell gar nicht gab. In dieser Nacht sang Guthrie eine Menge Songs live und begleitete sich dabei auf der Gitarre, die er meisterhaft und mit viel Gefühl beherrscht. Nach langem Bitten spielte er dann auch noch einen Song auf dem Piano: ein Instrumentalstück mit dem einfachen Titel »Lady On The Piano«, das zuerst auf seinem Album »La Belle Poisoneuse« erschienen war. Nun wäre Guthrie selbst der erste, der zugeben würde, daß er kein besonders guter Klavierspieler ist, und tatsächlich entschuldigte er sich in dieser Nacht mehr als einmal für seine Inkompetenz, aber mit »Lady On The Piano« ist es ihm gelungen, ein Stück zu komponieren, das irgendwie über die reine Technik hinausgeht und in die Bereiche von Intuition und Schicksal vorstößt, ein Stück, das sich so anhörte, als spielte es sich von selbst. Guthrie schrieb es eines Nachts kurz vor dem Morgengrauen in der Lobby eines Hotels irgendwo im Norden von Amerika. Er saß am Flügel und klimperte vor sich hin, als er plötzlich auf eine wunderschöne Frau aufmerksam wurde, die das Hotel betrat. Sie erwiderte seinen starren Blick, kam ohne ein Wort auf ihn zu und legte sich auf das Klavier. Sie schauten sich tief in die Augen, und wie von selbst, ohne daß Guthrie in diesem Moment wußte, was er tat, entstand dieses Stück, das er später »Lady On The Piano« nannte, ein Stück, das sich ausschließlich auf den schwarzen Tasten des Klaviers aufbaut und auf dem Album weniger als zwei Minuten lang ist. Ermutigt von einigen Hörern, die angerufen hatten, um sich für seine Vorstellung zu bedanken, spielte er hier im Studio jedoch eine fast achtminütige Version. Zum Teil lag das an der Tatsache, daß er Fehler machte und noch mal von vorne anfangen mußte, andererseits aber, und das ist eigentlich entscheidender, entwickelte die Musik plötzlich ein eigenes Leben. Er spielte sehr langsam, fast zögernd, aber das verstärkte nur die unheimliche Atmosphäre dieses ohnehin schon sehr vergeistigten Stückes. Es war ein eindrucksvoller Moment und erinnerte mich an den Monolog, den Guthrie mir am vergangenen Weihnachtstag auf Band gesprochen hatte: Seine Art zu spielen ähnelte seiner Art zu sprechen; nachdenklich, manchmal ein bißchen unsicher, aber immer konzentriert, so als versuche er, etwas zu vermitteln, wozu er eigentlich gar nicht in der Lage ist. Oft trotzen Gefühle jeder Beschreibung und lassen sich in der Musik (oder mit Hilfe eines anderen künstlerischen Mediums) ohne ein gewisses Maß an technischer Qualität nur unzulänglich ausdrücken. So kommt es, daß sich einem die wenigen Gelegenheiten, beobachten zu können, wie das Gefühl über die Technik triumphiert, um so stärker im Gedächtnis einprägen. Wie in jener Nacht, als Guthrie »versuchte«, »Lady On The Piano« zu spielen und plötzlich, am Abgrund des Versagens, über sich selbst hinauswuchs …
In diesem Herbst 1982 wohnte er zwei Wochen bei mir und schrieb in meiner Küche den Song »Those Times Were Few«, der später auf seinem vierten Album erschien. Wir sprachen über alles mögliche gestern nachmittag am Telefon, unter anderem auch über ein gemeinsames Projekt, das uns schon seit einiger Zeit im Kopf herumspukt. Guthrie hat mittlerweile eine eigene kleine Plattenfirma und brachte in den letzten Monaten eine Vielzahl von Alben der verschiedensten Bands und Musiker heraus. Einige davon sind eher folk-orientiert, wie beispielsweise Josh Whites Jr. Album »Almost Alaune«, andere stellen instrumentale Pianomusik vor, wie John Nielsen und Johnny Gall, wieder andere sind laut und hart, wie das vom Rhythm & Blues beeinflußte Debutalbum von Kansas City. In einem seiner letzten Briefe hatte er mich gefragt, ob mir nicht irgendwas einfiele, was er als nächstes machen könnte, und ich hatte ihm vorgeschlagen, doch mal so was ähnliches zu versuchen wie Rainy Days’ Erstveröffentlichung, ein Album, das eine Reihe von meist gut bekannten Stücken enthält, unter anderem »I’ll Keep It With Mine« , »Sloop John B« , »I’ll Be Your Mirror« usw. Dafür hatten sich ein paar Musiker, die sonst in ihren eigenen Bands spielten (The Dream Syndicate, The Rain Parade, The Bangles, und Three O’Clock) zu einem Stamm zusammengetan, und einzelne Songs, die im Laufe der Jahre einen bestimmten Einfluß auf sie gehabt hatten oder die sie ganz einfach mochten, neu aufgenommen. Guthrie gefiel die Idee anscheinend, denn er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, sein Koproduzent zu werden. Er meinte, nachts könnten wir aufnehmen und tagsüber in seinem Boot vor der kalifornischen Küste herumkreuzen. Wann wir schlafen sollten, sagte er nicht, dafür erwähnte er aber, daß er alle meine Spesen übernehmen würde. Ich antwortete, daß ich drüber nachdenken würde, obwohl ich den Eindruck hatte, daß das eins der Versprechen war, die man manchmal so mitten in der Nacht gibt, wenn man nicht mehr richtig weiß, was man sagt. Dann meinte er noch, daß er mir Geld für eine neue Schreibmaschine leihen wollte. Er erinnerte mich daran, daß er »Those Times Were Few« auf meiner alten Olympia geschrieben und nicht vergessen hatte, wie einzelne Buchstaben immer wieder blockierten. Jetzt wollte er mir auch mal einen Gefallen tun: Ich sollte mein Buch auf einer neuen Schreibmaschine zu Ende schreiben, für die er mir zweihundertfünfzig von seinen guten amerikanischen Dollars schicken würde. Er sagte. er würde den Scheck am Montag losschicken. Ich versuchte, ihm das auszureden, aber er bestand drauf. Als wir schließlich auflegten, war es in Los Angeles heller Tag. Ich fragte mich, wann ich wieder von ihm hören würde.
[Quelle]
Nightflights. Tagebuch eines DeeJays
Econ-Verlag, 1985 Düsseldorf; Wien: ISBN 3-430-11145-5








