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Rockpalast Radio Show, 5. April 1984

«Alan Bangs Playlist - Rockpalast Radio Show - 5. April 1984»

Sender: Westdeutscher Rundfunk / WDR 2
Sendung: Rockpalast Radio Show
Sendedatum: 5. April 1984 • Telefon-Interview mit: David Lindley
Laufzeit: Disc: 55:16.440 Minuten

DISC [55:16.440]

01. Chris Rea – Reasons
Album: «Wired To The Moon» • Veröffentlicht: 1984 • Label: Magnet

02. David Lindley And El Rayo-X – Turning Point
Album: «El Rayo Live» • Veröffentlicht: 1983 • Label: Asylum

03. David Lindley – Bye Bye Love
Album: «El Rayo-X» • Veröffentlicht: 1981 • Label: Asylum

04. David Lindley – Talk To The Lawyer
Album: «Win This Record!» • Veröffentlicht: 1982 • Label: Asylum

05. David Lindley – Pay The Man
Album: «El Rayo-X» • Veröffentlicht: 1981 • Label: Asylum

06. David Lindley And El Rayo-X – Rag Bag
Album: «El Rayo Live» • Veröffentlicht: 1983 • Label: Asylum

6. April:
Eine Zahnarztpraxis in Los Angeles
und meine Traumsendung

Rockpalast ist nicht nur eine Fernsehshow, sondern auch eine Radiosendung, die zweimal im Monat, an jedem zweiten Donnerstag zwischen halb elf und zwölf Uhr abends im WDR II ausgestrahlt und dabei abwechselnd von Peter Rüchel und mir moderiert wird. Gestern abend war ich dran und konnte, dank der Großzügikeit des WDR, ein fast einstündiges Ferngespräch mit David Lindley in Los Angeles führen, meinem Special Guest für diesen Abend.
Ich sah David Lindley zum erstenmal im Dezember 1976, als er mit Warren Zevon und Jackson Browne in Heidelberg auftrat (zufällig eins der besten Konzerte meines Lebens). Leider hatten wir keine Gelegenheit, uns näher kennenzulernen, bis David schließlich für das zweite Loreley-Festival des Rockpalasts verpflichtet wurde. Als wir anfingen zu reden, entdeckten wir bald, daß wir etwas gemeinsam hatten, nämlich eine durch nichts zu überbietende Bewunderung für John Fahey, und so war es kein Wunder, daß wir gestern abend auch auf ihn zu sprechen kamen.
Einige von den Fragen, die ich ihm stellte, waren reichlich banal, fast schon nichtssagend. Einmal bat ich ihn zum Beispiel, aus dem Fenster zu gucken und mir zu erzählen, was er alles sah. Er beschrieb mir die Gegend, erklärte, daß sich im Haus gegenüber eine Zahnarztpraxis befand und spekulierte darüber, daß der Arzt anscheinend ziemlich beliebt sei, denn er selbst, David, hatte nämlich immer Mühe, einen Parkplatz in der Nähe seiner Wohnung zu ergattern. Das klingt vielleicht ein bißchen langweilig, aber das, was mich daran interessierte, war weniger die Information, die herüberkam, sondern mehr die Tatsache, daß David ein geistiges Bild für die Zuhörer entwarf, die hier in Deutschland (wo es fast Mitternacht war) das Gespräch verfolgten – wie er eine Szene beschrieb, die sich zur gleichen Zeit, aber Tausende von Kilometern entfernt auf der anderen Seite der Welt abspielte …
Ich mag es, wenn ich bei Radiosendungen das Telefon einsetzen kann: Es birgt unendlich viele Möglichkeiten, und ich habe mir schon immer gewünscht (finanziell) in der Lage zu sein, eine Sendung zu machen, in deren Verlauf ich Leute auf der ganzen Welt anrufen konnte (Musiker zum Beispiel, oder Schriftsteller, aber keinesfalls Korrespondenten). Es wäre dann die Frage, ob ich sie im voraus von meinen Absichten informieren würde oder nicht, mit anderen Worten, ich würde sie anrufen, und wir würden uns ganz normal unterhalten, ohne daß sie unbedingt Bescheid darüber wüßten, daß unser Gespräch live übertragen wird. Es wäre nicht Sinn der Sache, Leute aufs Glatteis zu führen, sie lächerlich zu machen, oder gar Skandale zu provozieren; die Idee, die dahintersteckt, ist Leute dazu zu bringen, ganz normal darüber zu reden, was sie gerade machen, oder gleich machen würden. Es gälte, eine Kontinuität deutlich zu machen, zu zeigen, daß zur selben Zeit woanders auf der Welt ganz andere Dinge passieren und damit den Bezugsrahmen von Alltäglichkeiten, den die meisten von uns für völlig selbstverständlich halten, zu erweitern.
Als ich David bat, uns zu beschreiben, was er vom Fenster aus sah, hatte ich auch noch eine andere Idee im Hinterkopf: eine besondere Radiosendung, die allerdings aufgrund ihres Konzeptes nicht live gesendet werden konnte, sondern in der Text und Musik zusammengeschnitten werden müßten, wie bei einem Film. Ich würde verschiedene Leute, bekannte oder auch andere (beispielsweise Brian Eno in New York oder Setsuko, meine Brieffreundin in Yokohama) bitten, irgendeine Situation’ über die sie gern berichten wollten, auf Band zu beschreiben. Um bei den beiden Beispielen zu bleiben, Eno konnte das aufnehmen, was er sieht, wenn er in New York vor einer roten Ampel steht und Setsuko würde ihre Eindrücke beim Besuch eines Tempels in Kyoto schildern. Dann müßten sie mir ihre Aufnahmen nach Deutschland schicken, und ich würde die entsprechende Musik, die mir, aus was für Gründen auch immer, am besten dazu zu passen schienen, dazumischen. Eine soIche Sendung könnte natürlich auch auf nationaler Ebene laufen -es geht mir hier hauptsachlich um die richtige Zusammenstellung von Musik und Text. Die Kombination dieser beiden, ziemlich unterschiedlichen Faktoren könnte somit eine Fülle von neuen Assoziationen erzeugen; so gesehen wäre dann der Text eine Art Katalysator für die Musik.
Mein Traum wäre es jedoch, eine Sendung über Amerika zu machen, die ein Gegenstück zu einem RoadMovie oder einem Film von Wim Wenders wäre . Man müßt einige Zeit durch das Land reisen und sich Notizen machen über alles, was man sieht, besucht und erlebt, aber nicht schriftlich, und auch nicht auf Film; sondern auf Band. Man müßte in verschiedenen Orten aufnehmen, sich auf Details konzentrieren, Veränderungen in Landschaft, Temperatur und Licht berücksichtigen und hörbar machen, und ab und zu vielleicht auch eine kleine Story erzählen. Kurz, man müßte eine Reihe Aufnahmen zusammenstellen, ähnlich den Texten in Sam Shepards »Motel Chronicles«, das nicht umsonst Anstoß zu Wim Wenders’ Film »Paris, Texas« gab. Anschließend würde man diese Aufnahmen mit Musik zusammenschneiden, die nicht nur zum Inhalt, sondern vor allem zur jeweiligen Stimmung passen müßte. Die Form dieser Sendung könnte ziemlich offen sein, sehr impressionistisch; sie könnte chronologisch fortschreiten wie ein Tagebuch, sie könnte aber auch einer Dokumentation ähneln oder die Story einer bestimmten Person oder eines bestimmten Ortes erzählen. Wer meint, mir bei diesem Vorhaben helfen zu können, sollte sich mit mir in Verbindung setzen …
Da wir gerade von Sponsoren reden: Eines Nachts rief mich Richard Richardson, der sich gerade beim 1983er Sunsplash Festival von Jamaica aufhielt, in der Night-Flight-Sendung an und lieferte mir einen höchst präzisen und detaillierten Bericht über das Ereignis. Am Schluß hatte er dann noch eine Überraschung: Neben ihm standen Sly Dunbar und Robbie Shakespeare, die bereit waren, sich mit mir zu unterhalten, wenn ich Interesse hätte. Natürlich ließ ich mir eine soIche Gelegenheit nicht durch die Lappen gehen, und ich erinnere mich, wie Sly von den Sessions erzählte, die sie gerade für Bob Dylan gemacht hatten (und später auf Dylans Album »Infidels« veröffentlicht wurden), und den damaligen Gerüchten widersprach, daß er in Kürze als Schlagzeuger bei The Clash einsteigen würde. Am meisten ist mir jedoch das in Erinnerung geblieben, was Robbie sagte: Ich fragte ihn, ob er eigentlich bei all der Arbeit, die er und Sly hatten, sie je die Gelegenheit wahrnehmen konnten, in Jamaica, dem Land, das sie berühmt gemacht hatte, Urlaub zu machen. Robbie antwortete, daß sie überhaupt nie Zeit hätten auszuspannen: »You know us, man, we’re always on the road, Sly and Robbie, from city to city -from ttitty to titty! «Da sieht man’s mal wieder, es ist gar nicht so einfach, ein Rockstar zu sein. Es ist schwere Arbeit, ständig am Arbeiten und auf Achse zu sein. Another day, another way, another lay.

[Quelle]
Nightflights. Tagebuch eines DeeJays
Econ-Verlag, 1985 Düsseldorf; Wien: ISBN 3-430-11145-5